Eine Abgrenzung zwischen den Begriffen Naturheilkunde und Homöopathie scheint mir angebracht. Denn noch immer gibt es viele Menschen, die Naturheilkunde mit Homöopathie gleichsetzen bzw. keine wesentlichen Unterschiede zu erkennen scheinen. Dies drückt sich oft in den Worten aus: “Geh doch einmal zum Homöopathen”, obwohl ein Heilpraktiker gemeint ist, der über ein wesentlich umfangreicheres naturheilkundliches Repertoire verfügt.

  Was ist Homöopathie?

Die Homöopathie ist ein wichtiger Teil der Naturheilkunde, aber eben nur ein Teil.

(Abb. 22) Samuel Hahnemann, Begründer der HomöopathieDie Homöopathie wurde von dem deutschen Arzt Dr. Christian Friedrich Samuel Hahnemann (* Meißen 10. April 1755 † Paris 2. Juli 1843) vor etwas mehr als 200 Jahren ins Leben gerufen. Er leitete die Bezeichnung Homöopathie aus dem Griechischen ab. Von homoios = ähnlich und pathos = Leiden. Homöopathie wäre also mit "ähnliches Leiden" zu übersetzen. Auf Hahnemann geht auch das Wort Allopathie zurück. Damit bezeichnete er eine Therapie, die nach anderen (griech. allos = anders) Grundsätzen vorgeht als die Homöopathie.

Die Gegensätzlichkeit beider Begriffe ist aus der damaligen Sicht verständlich. Heute geht es jedoch nicht mehr um das Entweder-Oder, sondern um das Sowohl-Als-Auch. Die Homöopathie erhebt keinen Anspruch auf unumschränkte Gültigkeit. Sie ist ein Teil der Gesamtmedizin, und zwar ein wesentlicher Teil.

Als verantwortungsvollem Arzt wurde Hahnemann klar, dass er mit den althergebrachten Heilweisen seinen Patienten nicht wirklich helfen konnte. So mancher Patient wurde früher z.B. bis zum Tode “zur Ader gelassen”. Zu diesem Tun war Hahnemann nicht mehr bereit, und da er mehrere Sprachen in Wort und Schrift beherrschte, verdiente er sich einen Teil seines Lebensunterhaltes mit Übersetzungen medizinischer Texte. Und als er 1790 die "Materia medica" des schottischen Wissenschaftlers William Cullen (1710-1790) ins Deutsche übertrug, bahnte sich seine grosse Lebenswende an.

Cullen führte in seiner Arzneimittellehre die Wirkung der Chinarinde gegen das Wechselfieber – heute Malaria genannt – auf die Stärkung des Verdauungstrakts zurück. Eine Erklärung, die Hahnemann nicht überzeugte. Er wollte es genau wissen, schluckte Chinarinden-Pulver und beobachtete bald darauf die Symptome des Wechselfiebers an sich selbst. Durch diesen Selbstversuch hoffte er, die wahren Gründe der Heilwirkung zu entschlüsseln. Hierbei stellte er fest, dass er aufgrund des Absudes der Rinde des Chinabaumes Fieberanfälle erlebte, wie sie nur bei an Malaria Erkrankten vorkommen. Dies war die erste “Arzneimittelprüfung”
in der Homöopathie. Er gab den Malariakranken von dieser “Urtinktur” und musste feststellen, dass diese dadurch fast zu Tode kamen. Wie er dann auf die geniale Idee kam, das Mittel zu “potenzieren” bzw. zu verdünnen, ist bis heute nicht bekannt, aber ab diesem Zeitpunkt gelang es ihm, viele seiner Patienten zu heilen.

Neben der Chinarinde probierte Samuel Hahnemann in den Folgejahren etwa 100 weitere Substanzen an sich, seiner Familie und Mitarbeitern aus. Und er war sicher, eine neue, "der Natur abgelauschte" Heilmethode entdeckt zu haben. 1796 hielt er die Ergebnisse seiner Arzneiprüfungen am gesunden Menschen schriftlich in einem Aufsatz fest. Titel: "Versuche über ein neues Prinzip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneisubstanzen nebst einigen Blicken auf die bisherigen".

Darin schrieb Hahnemann: "Man ahme die Natur nach, welche zuweilen eine chronische Krankheit durch eine andere hinzukommende heilt, und wende in der zu heilenden Krankheit dasjenige Heilmittel an, welches eine andere, möglichst ähnliche, künstliche Krankheit zu erregen imstande ist, und jene wird geheilet werden."
Der Aufsatz erschien im "Journal der practischen Arzneykunde" an der Medizinischen Fakultät der Berliner Universität. Die Veröffentlichung gilt als die Geburtsstunde der Homöopathie. Hahnemanns “Ähnlichkeitsprinzip”: "Similia similibus curentur – Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden." wurde zur Grundlage der Homöopathie.

Das Spektrum der Gesamtheit aller Symptome, die ein Stoff beim gesunden Menschen hervorruft, bezeichnet man als "Arzneimittelbild". Jedes in der Homöopathie verwendete Arzneimittel hat sein ganz charakteristisches Arzneimittelbild, das sich auf alle Schichten eines Menschen bezieht: Die seelischen, die emotionalen und die körperlichen Bereiche.

Entsprechend dem Ähnlichkeitsprinzip ist also nur derjenige Arzneistoff in der Lage, einen kranken Menschen zu heilen, dessen Arzneimittelbild dem Symptombild ähnlich ist, das ein erkrankter Mensch hervorbringt.
Am Beispiel der Küchenzwiebel (Allium cepa) lässt sich das Ähnlichkeitsprinzip nachvollziehen. So entstehen beim Gesunden durch das Schneiden der Küchenzwiebel folgende Symptome: starke Flüssigkeitsabsonderung aus Augen und Nase, Augenjucken oder -brennen, Kitzeln der Nase, Niesreiz. Dementsprechend wird Allium cepa auch als Schnupfenmittel eingesetzt.

Grundlegend bei der Behandlung ist die Annahme, schwache und mittlere Reize regen die Lebenstätigkeit an oder fördern sie, starke und stärkste Reize hemmen sie oder heben sie sogar auf. Zur Behandlung von Erkrankungen werden in niedrigen Dosen Medikamente verabreicht, die in höheren Dosen beim Gesunden das gleiche oder ein ähnliches Krankheitsbild hervorrufen.

Neben dem Ähnlichkeitsprinzip und der Arzneimittelprüfung ist die “Potenzierung” die dritte Säule der Homöopathie.  Hahnemann hatte beobachtet, dass sich bei den damals üblichen Arzneidosierungen die Symptome beträchtlich verschlimmerten oder sogar toxische Nebenwirkungen auftraten. Er begann die Arznei schrittweise zu verdünnen und verschüttelte sie auf jeder Verdünnungsstufe sehr stark. Diese dynamisierte oder “potenzierte” Arznei hatte eine deutlich stärkere Wirkung. Gleichzeitig konnten durch den Prozess der Potenzierung eventuelle Vergiftungserscheinungen verringert werden.

Die Potenzierung homöopathischer Arzneimittel erfolgt nach festgelegten Regeln, die durch folgende Nomenklatur gekennzeichnet wird:
Der Buchstabe zeigt an, in welchem Verhältnis das Arzneimittel verdünnt wurde. So wird bei den D-Potenzen (Dezimalpotenzen) im Verhältnis 1:10, bei den C-Potenzen (Centesimal-Potenzen)n im Verhältnis 1:100, bei den LM- bzw. Q-Potenzen (Qinquagiesmillesima-Potenzen) im Verhältnis 1:50.000 verdünnt. Die Anzahl der Potenzierungsschritte wird durch die hinter dem Buchstaben stehende Zahl angegeben. Dementsprechend wurde bei einer C30-Potenz 30 mal hintereinander im Verhältnis 1:100 verdünnt und genauso häufig verschüttelt.

(Abb. 23) Homöopathische MedikamenteIn der Homöopathie werden heutzutage über 2000 pflanzliche, tierische und mineralische Substanzen eingesetzt und es werden immer neue Stoffe geprüft.
Wird das homöopathische Mittel aus Pflanzen oder Giftstoffen von Tieren gewonnen, wird eine Urtinktur hergestellt. Diese besteht zu gleichen Teilen aus der flüssigen Arzneisubstanz und hochprozentigem Alkohol. Ist die Ausgangssubstanz nicht in Alkohol löslich wird sie bis zu ihrer Löslichkeit mit Milchzucker verrieben. Ab der C3 bzw. D6 ist jeder Stoff in Alkohol löslich.


Die homöopathischen Arzneiformen bestehen aus: 

  Dilutionen

  Tabletten

  Globuli

  Trituration

flüssige Zubereitungen (Verdünnungen, Tropfen)

gepresste Verreibungen

mit flüssigen Zubereitungen getränkte Rohrzuckerkügelchen (Streukügelchen)

Pulverform